Montag, 25. Dezember 2017

Sofa-Reise: Auf Samtpfoten durch Istanbul

(Filmtipp) Manchmal ist eine Sofa-Reise der ideale Kurzurlaub - gemütlich mit  einer Tasse Tee zu Hause rumgammeln und sich mit einer DVD in andere Welten entführen lassen. Nach Istanbul geht die Reise mit "Kedi - von Katzen und Menschen", die Guides sind sieben der vielen halbwilden Miezen, die dort leben. Der türkisch-amerikanische Film ist einer der schönsten und auch lustigsten Dokus über eine Stadt, die sich Katzenfans nur wünschen können, und nun auch fürs Homekino erschienen.



Psychopathinnen und Gottesboten


"Das ist Psikopat, die Psychopathin des Viertels" - mit diesen Worten wird in "Kedi" (türkisch für "Katze") eine der schnurrhaarigen Stars des Films vorgestellt. Der Mann, der das sagt, klingt dabei gar nicht kritisch, sondern  geradezu verliebt. Und wie könnte man ihrem Charme auch wiederstehen, wenn es noch nicht einmal die Fischhändler können, die sie beklaut?

Istanbul gehört den Katzen, das wird den Zuschauern schnell klar. Zu Tausenden leben sie frei in der Stadt, schon seit Ewigkeiten. Die uralte Hafenstadt war bereits im Osmanischen Reich eine Hochburg für Straßentiger, die in unendlichen Variationen aus allen Enden der Welt hergebracht wurden. Schiffskatzen waren verbreitet, um Vorräte und Ladung vor Nagern zu schützen. Aus demselben Grund machten sie sich in der Stadt beliebt. Und sind es bis heute. 

Sogar bei den Fischern. Einer erzählt, wie ihn eine streunende Katze auf wundersame Weise gerettet hat, als sein Boot sank, seine Lebensgrundlage. "Sie führte mich zu einer Geldbörse, in der genau die Summe war, die mein Boot gekostet hat", so der Fischer. "Das war Gott höchstpersönlich. Wer mir die Geschichte nicht glaubt, ist ein Ungläubiger." Seitdem kümmert er sich aufopferungsvoll um die Streuner. Seltsam, schön und rührend sind die Bilder, die ihn mit etlichen Katzen an Bord durchs Meer schippernd zeigen.


 

Muezzas Töchter und die Männer


Dass die Mini-Tiger im Islam generell eine Sonderstellung haben - so soll sich Mohammed einen Ärmel seines Gewandes abgeschnitten haben, um seine darauf dösende Katze Muezza nicht zu stören - , wird in dem Film nicht groß ausgeführt. Das ist etwas schade wegen der schönen Legenden, die man sich als Katzenfan ruhig noch einmal anhören könnte. Allerdings sind sie für den Film nicht unbedingt nötig, der sich als persönliche Liebeserklärung versteht: von der Regisseurin Ceyda Torun an ihre Heimatstadt Istanbul, den Straßenkatzen, mit denen sie aufwuchs - und an die Menschen, die in dem Film viel mehr sind als Statisten.

Und da gibt es genug zu erzählen. Von den 35 Istanbuler Katzen, die das Filmteam vorher in die enge Wahl gezogen hatte, entschied man sich für sieben - ausschlaggebend war auch, dass sie sich gern filmen ließen. Jede hat einen unverwechselbaren Charakter, originelle Marotten und eigene Menschen, die sich um sie kümmern. Darunter sind überraschend viele männliche Katzenfans. Etwa der Cafébesitzer, der sein Trinkgeld für Tierarzkosten reserviert. Der Mann, der an schweren Depressionen litt und nun im Versorgen der Straßenkatzen Glück gefunden hat. Der erwähnte Fischer und zahlreiche weitere, wie der Fan der Psychopathin: "Sie hat Kampfgeist. Das gefällt mir."



Poetischer Feel Good Movie


Ebenso spannend sind die Geschichten der zahlreichen weiblichen Katzenpaten - von der Frau, die jeden Tag zehn Kilo Huhn für ihre Streuner kocht bis zur Künstlerin, die in den Tieren einen Inbegriff des Femininen sieht, während sie ihre eigene Weiblichkeit "in diesem Land" als eine Form des Protestes zum Ausdruck bringen will. 

Und so zeichnen die Katzenfans, obwohl sie nur über die verschiedenen Tiere reden, ein facettenreiches Bild der Stadt Istanbul. Dass die Katzenstadt bedroht ist, wird dabei nicht unter den Tisch gekehrt - so sorgen sich einige Bewohner, dass ihre alten, charakteristischen Viertel dem Bau neuer Straßen weichen müssen. 

In erster Linie ist "Kedi" aber ein echter "Feel Good Movie", der bei seinem Kinostart vor allem wegen seiner Schönheit Begeisterungsstürme erntete - "magisch", urteilte "Variety", und filmstarts.de: "Poetisch", "Der ebenso charmante wie rührende Film hinterlässt auch bei Hundefans ein warmes Gefühl im Bauch."  

 

Perspektiven vom Dach aus Katzen-Sicht

Visuell wird die Stadt konsequenterweise aus Katzen-Sicht gezeigt, mit vielen tollen Perspektiven. Die Kamera schlängelt sich auf Miezen-Augenhöhe dicht am Boden durch die Beine der Fußgänger, oder sie zeigt von den Dächern spektakuläre Ausblicke über die Stadt.

Die Bilder wirken auf der großen Kinoleinwand sicher am Besten. Und doch gibt es gute Gründe, sich die DVD zu holen - nicht nur, weil man sich den Film auch öfter ansehen kann: Das Bonusmaterial enthält nicht nur ein schönes Making-of, sondern auch zahlreiche sehenswerte "Zusätzliche Szenen".




Infos zum Film: www.facebook.com/Kedi.DerFilm

Alle Fotos in diesem Artikel © Weltkino 

Hilfe für Streuner


An dieser Stelle möchte ich erwähnen: Nicht überall sind Straßenkatzen beliebt, und selbst wenn, übersteigt ihre unkontrollierte Vermehrung schnell die Kapazitäten der Menschen, die sich um sie kümmern. Ein nicht kastriertes Katzenpaar kann in zehn Jahren hochgerechnet etwa 80.000 Nachkommen haben.

Nicht kastrierte Katzen sind weltweit ein Problem, das zu Katzenelend führt. Zahlreiche Tierschutzorganisationen haben daher entsprechende Programme ins Leben gerufen, die man unterstützen kann - hier eine Auswahl:

Projekt Kitty von aktion tier - menschen für Tiere e.V. 
Straßenkatzen in Deutschland werden kastriert, geimpft, medizinisch versorgt und dann wieder in ihrer gewohnten Umgebung freigelassen.
www.aktiontier.org/projekte-partner/projekt-kitty

Hand in Hand for Cats e.V.
Streuner in der Ukraine sind leider oft Misshandlungen, Hunger, Krankheit und Kälte ausgesetzt. Der Verein hilft mit Kastration, Versorgung und Vermittlung. Acht ukrainische Straßenkatzen haben im Katzen-Musik-Café "Zur Mieze" (www.zur-mieze.de) in Berlin ein neues Zuhause gefunden und können dort besucht werden. 
www.hand-in-hand-for-cats.com

Vier Pfoten - Stiftung für Tierschutz
Der Verein setzt sich für Streunerkatzen und -hunde in verschiedenen Ländern ein, unternimmt Kastrations- und Versorgungs-Aktionen. 
www.vier-pfoten.de

Deutscher Tierschutzbund
Die Dachorganisation für Tierschutzvereine und Tierheime unterstützt viele Projekte. Auf den Seiten der Katzenschutz-Kampagne gibt neben Möglichkeiten zu spenden auch viele praktische Tipps. 
www.tierschutzbund.de 

Hinweis: Alle Texte und Fotos © Maike Grunwald (sofern nicht anders ausgewiesen). Abdruck und Online-Nutzung nur nach Absprache und gegen Honorar, Kontakt: www.maikegrunwald.com

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